Indien (18. Januar 1972)

1972-01-18 – Indien

 

Liebes Mami und Papi,

nach einer langen, ziemlich erschöpfenden Eisenbahnfahrt von Calcutta nach Peri sind wir nun hier in diesem bekannten Pilgrims-Ort der Hindus im Staate Orissa angekommen. Nun, die Eisenbahnfahrt, ja, das muss man einfach miterlebt haben, um zu glauben, wie es da zugeht. Wir hatten dritte Klasse, allerdings reservierte Sitzplätze, aber trotzdem. Auf dem Bahnhof ging’s ja schon zu wie beim Auszug von Ägypten, nur wahrscheinlich noch viel viel mehr Leute hier. Ich glaube auch, dass die Bahnhöfe in der Kriegszeit in Europa nicht so vollgestopft von Leuten waren. Nun, irgendwie sind wir dann durch all die Menge von sitzenden, liegenden und stehenden Menschen durch zum Zug gekommen und haben die Reise inmitten der wallfahrenden Inderinnen mitgemacht. Also die Reise war wirklich ein Erlebnis. Und nun sind wir in Dari in einem Hoteldirekt am Strand. Wir hören die Wellen schlagen und sehen die Fischer, die hinaus aufs Meer für den täglichen Fischfang gehen. Und am frühen Morgen sehen wir die Massen der Inder die ihr morgendliches Bad nehmen, im Meer beten und sich weihen und ihren Körper, Haare und Kleider waschen, - eine Schau, die uns für Stunden unterhalten kann. In Dari gibt es auch den bekantenn Jagenoth Tempel, wo die Inder wallfahren, - aber als Weisse und Nicht-Hindus sind wir nicht erlaubt dort drin. Es gefällt uns hier viel besser als in Calcutta. Ich glaube, Calcutta ist eine der entsetzlichsten Städte, die ich je gesehen habe. Soviel Armut, Elend und Dreck, - alles in einem Haufen, da sind Städte wier Hong-Kong und Lima gerade noch Super-schön dagegen. Bettler gibt es in rauen Mengen und besonders als Europäer wird man dauernd davon belästigt. Massen und Massen von Leuten leben in den Strassen, schlafen mitten auf den Trottoirs nur in ein paar Kleider gehülltl, und leben vom Betteln alleine. Und in der 6 Millionen-Stadt Calcutta gibt es kaum etwas Richtiges zu kaufen. Alles nur billige, lokal hergestelte Ware, interessante Dinge sind kaum zu finden. Gut, dass wir die meisten notwenidgen Sachen, wie Shampoo, Handcreme und solches Zeug schon auf Vorrat gekauft haben.

Also, wie gesagt, Dari ist herrlich verglichen mit Calcutta. Reine Meeresluft, Sonnenschein und eine bedächtig langsame Lebensweise. Dari hat eine Bevölkerung von ca 100'000 Leuten, scheint aber trotzdem eine richtige Provinz-Stadt zu sein. Ein guter Platz, um unsere Erkältung und Husten auszukurieren. Nach Dari werden wir nach Kanorak und Bhuhaneswar und schliesslich dann noch nach Madras weiterreisen. Leider habe ich keinen Brief erhalten von Euch in Calcutta. Die Post sollte jedoch nachgesandt werden nach Bombay. Somit hoffe ich, einen Brief dort aufzufinden.

Indien ist sonst einfach unglaublich. Was es alles zu sehen gibt, die Leute, die Lebensweise etc. Es scheint wirklich, dass die Zeit hier stillgestanden ist, sogar verglichen mit anderen asiatischen Ländern ist Indien noch weit zurück. Und wie gesagt, das Land ist auch wirklich billig. Für 50 Rappen können wir eine ganze Mahlzeit haben, natürlich Indien-Style, Curry mit Reis oder Chapatis, Fleisch gibt’s natürlich auch hier, wie überall in Asien nur ganz wenig. Dafür essen die Leute wahnsinnig viel Süsses und so stark zuckerhaltig, dass einem fast schlecht wird davon. Kuh-Fleisch gibt’s hier überhaupt nicht, die Kühe laufen überall friedlich in der Weltgeschichte herum und haben auch nicht genug zu essen, da es so viele gibt.

Ich habe euch glaub geschrieben wegen der Versicherung, dass, falls die meinige abläuft wie besser eine Erneuerung bei einer anderen Gesellschaft machen. Von Chweizern habe ich gehört, dass Lloyd-Versicherung gut sei. Im letzten Brief aus Thailand habe ich übrigens die Rechnungen des Spitals mitgeschickt für meine Behandlung der Blasenentzündung. Habt ihr diese erhalten?

Den nächsten Brief habt ihr wohl schon nach Bombay geshcickt. Falls noch nicht, dann ist es glaubs jetzt schon zu spät, die Post funktioniert so langsam hier. Somit lieber gleich nach Nepal, Katmandu, da wir nachher in den Norden hinauf fahren werden. Und nach Nepal geht’s dann erst nach New Dehli. Die Adresse für Katmandu als Absender hinten drauf.. Übrigens,d ieser Brief ist Nummer C, Nummer A kam noch aus Bangkok, Nummer B (ich vergass die Nummerierung) aus Calcutta und dies ist der zweite Brief aus Indien. Von Euch habe ich bisher noch keine nummerierten Brief erhalten. Muss nun schliessen, kein Platz mehr. Viele liebe Grüsse und Küse, Eure Esthi

 

Hoffe recht bald von Euch zu hören, bis dann, keine Angst um mich by by

5.3.07 19:01

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen